Die Ständige Impfkommission (STIKO) ändert ihre Empfehlungen selten im großen Stil. Umso mehr Aufsehen erregt der Beschluss vom 9. Juli 2026: Die jährliche COVID-19-Auffrischung gilt künftig als Standardimpfung ab 75 Jahren. Bislang galt sie bereits ab 60 Jahren.
An Grippeschutz, RSV-Impfung und den Impfungen gegen Pneumokokken und Gürtelrose hat sich nichts Grundlegendes geändert. Was neu ist, wo die Grenzen liegen und was sich für wen lohnt, erklären die nächsten Abschnitte.
Beim Corona-Schutz zählt neben der Frage, wer geimpft wird, auch die Frage, wann.
COVID-19: Auffrischung ab 75 Jahren, einmal pro Saison
Die STIKO hat die COVID-19-Impfempfehlung im Juli 2026 neu gefasst. Zwei Änderungen betreffen Menschen ab 60 Jahren unmittelbar.
Die Empfehlung zur Basisimmunität ist gestrichen. Bisher galt die Vorgabe, mindestens drei Antigenkontakte durch Impfung oder Infektion zu erreichen. Diese Vorgabe ist für die erwachsene Bevölkerung nicht mehr nötig, auch für gesunde Schwangere nicht. Grundlage ist die Beobachtung, dass die meisten Erwachsenen heute eine hybride Immunität besitzen, also Schutz durch Impfung, Infektion oder beides.
Die jährliche Auffrischung ist neu abgegrenzt. Sie bleibt für alle Personen ab 75 Jahren empfohlen, unabhängig vom Gesundheitszustand. Für Jüngere ist sie eine Indikationsimpfung: Sie gilt für Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen, für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen, für Beschäftigte in Pflege und Medizin mit erhöhtem Infektionsrisiko sowie für enge Kontaktpersonen von Menschen, bei denen keine schützende Immunantwort zu erwarten ist.
Vorgesehen ist eine Impfung pro Saison, bevorzugt zum Beginn der Saison im Spätsommer oder Frühherbst. Wer den Termin verpasst, kann während der Saison nachholen. Zwischen der letzten COVID-19-Infektion oder -Impfung und der Auffrischung sollten möglichst sechs Monate liegen.
| Personengruppe | Empfehlung |
|---|---|
| Alle Personen ab 75 Jahren | Standardimpfung: einmalig pro Saison |
| Personen ab 6 Monaten mit Grunderkrankungen wie COPD, chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen, Diabetes, Adipositas (BMI ab 30), ZNS-Erkrankungen, Trisomie 21, Immundefizienz oder aktiven Krebserkrankungen | Indikationsimpfung: einmalig pro Saison |
| Menschen mit Langzeitfolgen nach COVID-19 (Long- oder Post-COVID) | Indikationsimpfung: einmalig pro Saison |
| Schwangere mit Grunderkrankung oder schwangerschaftsassoziierten Komplikationen | ab dem zweiten Trimenon, einmalig pro Saison |
| Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen | unabhängig vom Alter, einmalig pro Saison |
| Personal in Pflegeeinrichtungen mit direktem Kontakt, medizinisches Personal mit erhöhtem Infektionsrisiko | unabhängig vom Alter, einmalig pro Saison |
| Enge Kontaktpersonen von Menschen, bei denen keine schützende Immunantwort zu erwarten ist | unabhängig vom Alter, einmalig pro Saison |
Für gesunde 60- bis 74-Jährige heißt das: keine jährliche Auffrischung mehr. Ob eine Grunderkrankung vorliegt, die eine Indikationsimpfung begründet, klärt das Gespräch in der Praxis. Die Hausärztin oder der Hausarzt kennt den Impfstatus und die relevanten Vorerkrankungen.
Warum die Empfehlung umschwenkt
Die Entscheidung stützt sich auf vier Beobachtungen, die die STIKO in der Begründung ihres Beschlusses zusammenfasst.
Erstens: Der überwiegende Teil der erwachsenen Bevölkerung hat durch Impfungen und Infektionen eine breite Immunität aufgebaut. Zweitens: Schwere Verläufe, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle konzentrieren sich auf Menschen ab 75 Jahren. Drittens: Seit dem Ende der Pandemie folgt die Infektionswelle einem eingipfligen Jahresverlauf, der im Spätsommer oder Frühherbst beginnt. Viertens: Der Schutz der Impfung lässt mit der Zeit deutlich nach.
Für die STIKO zählt deshalb neben der Frage, wer geimpft wird, vor allem die Frage, wann geimpft wird. Daraus folgt die Empfehlung, einmal pro Saison zu impfen, möglichst mit dem Saisonbeginn.
Grippe: Die Standardimpfung ab 60
Die Grippeimpfung ist die ruhigste Empfehlung der Saison: Standardimpfung für alle Personen ab 60 Jahren, einmal pro Saison, im Herbst oder Winter. Seit einigen Jahren präzisiert die STIKO die Impfstoffwahl. Für Menschen ab 60 Jahren kommen ein inaktivierter Hochdosis-Impfstoff oder ein MF59-adjuvantierter Impfstoff in Frage. Beide rufen eine stärkere Immunantwort hervor als ein Standardpräparat. Das ist ein Vorteil, weil die Immunantwort auf Impfungen mit dem Alter nachlässt. Die Antigenzusammensetzung folgt der jeweils aktuellen Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation.
Ein Termin bei der Hausärztin oder dem Hausarzt genügt. Wer ihn vor den ersten Herbst- und Winterwellen wahrnimmt, ist gut dran.
RSV: Einmalige Impfung ab 75
RSV steht für Respiratorisches Synzytialvirus und verursacht bei älteren Menschen schwere Atemwegserkrankungen. Lange bekannt war der Erreger vor allem aus der Kinderheilkunde. Seit 2024 empfiehlt die STIKO eine Impfung gegen RSV: als Standardimpfung für alle Personen ab 75 Jahren und als Indikationsimpfung für 60- bis 74-Jährige mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf, etwa bei chronischen Herz- oder Lungenerkrankungen.
Die RSV-Impfung ist einmalig, eine Auffrischung ist derzeit nicht vorgesehen. Der richtige Zeitpunkt liegt vor Beginn der RSV-Saison im Herbst. Wer ab 75 ist oder eine Indikation erfüllt, kann die Gabe mit dem nächsten Praxisbesuch verbinden.
Pneumokokken und Gürtelrose: Zwei Einmal-Impfungen
Zwei Empfehlungen werden gern übersehen.
Pneumokokken: Die STIKO empfiehlt für alle Personen ab 60 Jahren eine einmalige Impfung mit dem 20-valenten Konjugatimpfstoff PCV20. Er ersetzt die ältere Impfstrategie und deckt die wichtigsten Erreger invasiver Pneumokokken-Erkrankungen ab, von der Lungenentzündung bis zur Blutvergiftung.
Gürtelrose: Auch die Impfung gegen Herpes zoster ist eine Standardimpfung ab 60 Jahren. Vorgesehen sind zwei Dosen eines inaktivierten Adjuvans-Impfstoffs im Abstand von etwa zwei Monaten. Wer bereits eine Gürtelrose durchgemacht hat, sollte die Impfung trotzdem ansprechen. Die STIKO empfiehlt sie in der Regel auch in diesem Fall.
Beide Impfungen zählen zu den wenigen, die nicht jährlich wiederholt werden. PCV20 steht einmalig an, die Gürtelrose-Impfung zweimal.
Die Empfehlungen der Saison im Überblick
Zusammengenommen ergibt sich ein überschaubares Bild: einmal Grippe im Jahr, einmal Corona bei Indikation, einmal RSV, einmal Pneumokokken, einmal Gürtelrose.
| Impfung | Wer | Wann | Wie oft |
|---|---|---|---|
| Grippe (Influenza) | Standardimpfung für alle ab 60 Jahren | Herbst oder Winter, einmal pro Saison | jährlich |
| COVID-19 | Standardimpfung ab 75 Jahren; Indikationsimpfung bei Grunderkrankungen, in Pflegeeinrichtungen oder bei beruflichem Risiko | bevorzugt zum Saisonbeginn im Spätsommer oder Frühherbst | jährlich, einmal pro Saison |
| RSV | Standardimpfung ab 75 Jahren; Indikationsimpfung für 60- bis 74-Jährige mit erhöhtem Risiko | einmalig, idealerweise vor Beginn der RSV-Saison | einmalig |
| Pneumokokken | Standardimpfung für alle ab 60 Jahren (PCV20) | einmalig, gut mit einem Termin der Saison zu verbinden | einmalig |
| Gürtelrose (Herpes zoster) | Standardimpfung für alle ab 60 Jahren | zwei Dosen im Abstand von etwa zwei Monaten | einmalig |
Der Praxisbesuch: Zwei Termine, ein Gespräch
In der Praxis läuft es meist auf zwei Termine hinaus: die Auffrischung im Frühherbst für den Corona-Schutz, die Grippeimpfung im Herbst oder Winter. Beides ist an einem Tag möglich, die STIKO erlaubt die gleichzeitige Verabreichung. Wegen der unterschiedlichen Saisonalität gilt: Der Coronaschutz soll den Saisonbeginn treffen, der Grippeschutz die Winterwelle. Wer einen gemeinsamen Termin wünscht, bekommt ihn in der Regel. Wer lieber teilt, gewinnt Zeit für die übrigen Fragen.
So bereiten Sie Ihren Herbsttermin vor
- Den Impfpass mitbringen, die Dokumentation ist die Grundlage jeder Empfehlung.
- Den Impfstatus mit der Hausärztin oder dem Hausarzt prüfen: Was ist schon abgedeckt, was fehlt noch?
- Eigene Grunderkrankungen offen nennen, sie entscheiden, ob eine Indikationsimpfung sinnvoll ist.
- Nach dem Zeitpunkt fragen: Corona-Auffrischung im Frühherbst, Grippeschutz in Herbst oder Winter, RSV einmalig vor der Saison.
- Erfragen, ob Grippe- und COVID-19-Impfung am selben Termin möglich sind und ob sich weitere Empfehlungen wie RSV oder Pneumokokken damit verbinden lassen.
- Bei der letzten COVID-19-Impfung oder -Infektion den Abstand prüfen, empfohlen sind mindestens sechs Monate.
- Nebenwirkungen und den Nachbeobachtungszeitraum ansprechen, ein guter Termin endet nicht an der Praxiszimmer-Tür.
Die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen für alle hier genannten Impfungen. Standard- und Indikationsimpfungen der STIKO sind Kassenleistungen. Privatversicherte prüfen die Erstattung im eigenen Tarif.
Wer Impfpass und Krankengeschichte mitnimmt, bekommt bei einem Praxisbesuch Klarheit, welche der Empfehlungen für ihn oder sie gilt. Wer den Termin verpasst hat, kann nachholen: Die Saison beginnt im Spätsommer oder Frühherbst, und nachholbare Impfungen bleiben bis zu ihrem Ende möglich.
Der Impfpass erfüllt dabei eine Ordnungsfunktion. Er zeigt, welche Impfungen in welchem Abstand erfolgt sind und welche Gabe noch aussteht. Ein Blick ins Heft vor dem Termin spart der Praxis Rückfragen und der Leserin oder dem Leser einen zweiten Besuch.




